Türkei zehn Jahre nach dem Putschversuch

Der 15. Juli 2016 markierte einen außergewöhnlichen politischen Einschnitt in der Türkei, dessen Folgen die Justiz und ihre verfassungsmäßige Ordnung bis heute prägen. Was als Säuberung begann, wurde zur Umwälzung von Institutionen und Berufsständen. Zehn Jahre später reichen die Lehren weit über die Türkei hinaus.

Mit dem 15. Juli 2016 brannte die Türkei in einem symbolischen Sinne, und der Rauch hat sich nie verzogen. Was brannte und fiel, waren die jahrzehntealten Säulen der Republik und die verfassungsmäßige Ordnung. Das erste Ziel dieses Flächenbrands war die Justiz – die gemeinhin als größter Garant der verfassungsmäßigen Ordnung gilt. Noch in der Nacht des
15. Juli trat der Hohe Rat der Richter und Staatsanwälte (HSK) auf politische Anweisung zusammen und ordnete, noch bevor ein einziger Putschist gefasst war, die Entlassung und Verhaftung von 2745 Richtern und Staatsanwälten an; eine Zahl, die auf rund 4500 ansteigen und ein Drittel der Richterschaft betreffen sollte. Um diese Stellen zu besetzen, wurden rund 10.000 neue Richter und Staatsanwälte aus regierungsnahen Netzwerken ernannt. Die Verfassungsänderungen von 2017 vollendeten die exekutive Vereinnahmung: Der HSK wurde umstrukturiert, die Kollegialwahl abgeschafft, alle Mitglieder der Ernennung durch Präsident und Parlament unterstellt, wie die Venedig-Kommission (1196/2024) bestätigte.

Die heutige Richterschaft ist durch die Vereinigung für Justizeinheit (YBD) geprägt, ein ideologisches Konsortium, das seit 2013 als Instrument aufeinanderfolgender Säuberungen dient: gegen die Gülen-Bewegung, kurdische Führungspersönlichkeiten, liberale und sozialistische Aktivisten. Als permanente Guillotine über Bürokratie und Zivilgesellschaft sicherte die YBD dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan 2014 und 2017 die Kontrolle über den HSK und lenkt seither jede politisch gesteuerte Strafverfolgung. Erdogan ist das Gesicht, die YBD die Maschinerie dahinter. Die Opposition erleichterte diese Konsolidierung durch Übernahme des Staatsdiskurses und fehlenden Widerstand. Dieselben Kader demobilisierten später still jene Millionen, deren Straßenmobilisierung nach der Inhaftierung ihrer Bürgermeister 2025 Erdogan Furcht eingeflößt hatten.

Wie unabhängige Beobachter dokumentieren, wahrt die Türkei nur noch den formalen Schein der Gewaltenteilung. Die türkische Richtervereinigung YARSAV wurde per Dekret aufgelöst; ihr Präsident Murat Arslan, ausgezeichnet mit dem Václav-Havel-Menschenrechtspreis, sitzt seit 2016 in Haft. Rund drei Millionen Bürger waren Terrorismusermittlungen ausgesetzt, ein Viertel inhaftiert; über 150.000 Beamte, Anwälte, Wissenschaftler und Lehrer wurden entlassen, die Mehrheit inhaftiert oder verurteilt, bei glaubwürdigen Berichten über Folter.

Doch eben hier enthüllte das Feuer seine zweite Natur. In Platons Politeia sind die Wächter der Stadt goldene Seelen, durch Mühsal und Furcht erprobt, ehe man ihnen ihr Amt anvertraut. Der 15. Juli wurde zu solch einem Schmelztiegel, einem Ofen, der Schlacke von Metall trennt. Dieses Feuer prüfte das Beste der Republik: Richter, Staatsanwälte und Bürger, die ihren Eid nicht verkauften und trotz des Verlusts von Beruf, Familie und Freiheit nicht wankten. Dass Erdogans Vorgehen auf solchen Widerstand stieß, beweist, wie tief die Grundwerte verwurzelt waren.

Auf die internationale Bühne getragen, wurden die Entlassenen im Ausland von Angehörigen der unabhängigen Richterschaft als Kollegen empfangen, unter anderem von der Internationalen Richtervereinigung (IAJ) und der Europäischen Richtervereinigung (EAJ). Sie weigerten sich, wegzusehen. Sie handelten als Augenzeugen: Sie nannten das Verbrechen beim Namen. Der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte (EGMR) brauchte zehn Jahre, bis Yasak ./. Türkei (GK, 5. Mai 2026), um die Logik dieser Massenverfahren nach Art. 7 der Europäischen Menschenrechtskonvention zu verwerfen; die internationalen Vereinigungen handelten sofort. Der Staat antwortete mit Verfahren gegen ihre Führungspersönlichkeiten und bezeichnete die IAJ als „terroristische Organisation“.

Die Funken des 15. Juli sind seither bis in die Wiegen der westlichen Demokratie geflogen. Der Rule of Law Index datiert den Rückgang der Rechtsstaatlichkeit auf 2016, kein Zufall: Massenmigrationen aus einer destabilisierten Region schürten Feindseligkeit und beschleunigten die autoritäre Konsolidierung weltweit. Auf dem World Justice Forum 2025 beobachteten Juristen systemisches Versagen; das Plenum „Justice Systems Under Threat“, auf dem auch ich sprach, schien den Zustand der Justiz überall zu erfassen, als ob der Schmelztiegel des 15. Juli die ganze Welt in Brand gesetzt hätte.

Im April 2026 forderten 28 Mitglieder der Parlamentarischen Versammlung des Europarats (PACE) gezielte Magnitsky-Sanktionen, Vermögenssperren, Einreiseverbote gegen türkische Richter und Beamte, die EGMR-Urteile missachten. Das Europäische Parlament folgte am 17. Juni mit einer Resolution für Sanktionen gegen die Architekten dieser Verfahren, darunter Justizminister Akin Gürlek. Die Rechtsgeschichte wird die wahre Natur dieser Unterwanderung aufzeichnen. Auch Staatsanwälte in Europa könnten von Amts wegen oder auf Strafanzeige hin tätig werden.

Was verheißt das Feuer für die kommenden Jahre?

Im Innern weitet sich der Kreis. Die Säuberung hat die gewählte Opposition durch orchestrierte Korruptions- und Terrorismusvorwürfe erfasst. Mit der Präsidentschaftswahl 2028 steigt die Hitze: Die Verhaftung von Bürgermeister Ekrem Imamoglu, einem führenden Präsidentschaftskandidaten, dem 2430 Jahre Haft drohen, und die gerichtlich angeordnete Absetzung der gesamten Oppositionsführung 2026 zeigen das unmissverständlich.

Das Versagen, diesem Wandel wirksam entgegenzutreten, hat diese Methoden weltweit normalisiert. Illiberale Tendenzen zeigen sich heute in Ländern, die einst als Vorbilder der Rechtsstaatlichkeit galten. Die nach 1945 institutionalisierte Aufklärungsordnung steht vor ihrer härtesten Probe. Der Rückzug der Rechtsstaatlichkeit ist zu einer globalen Pandemie geworden, und westliche Geister suchen nach einem Heilmittel: einer moralischen Erneuerung, Wind für ihre verblassende Flamme.

Die westliche Rechtstradition muss sich wieder regen wie in der Aufklärung. Eine regelbasierte Ordnung kann nicht allein durch Institutionen bestehen; sie muss in Grundwerten verankert sein. Als die Welt in die Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts hineingezogen wurde, verhallten mahnende Stimmen. Seit dem 15. Juli 2016 haben jene, die der autoritären Flut in der Türkei standhielten, auch um den Preis von Freiheit, Karriere und sozialem Tod, eine historische Warnung ausgesprochen. Sie sollten gehört werden.

Dr. iur. Mehmet Tank

ehem. Richter; Rechtswissenschaftler; Beobachter, Europ. Verwaltungs- richtervereinigung (AEAJ).